Frühstück bei Dolce Amaro Die Sportwoche traf Kenan Kocak.

MJTV Besser Wissen

Kenan Kocak ist mit sich im Reinen; die Trennung von SV Sandhausen ist aufgearbeitet und dem 37-jährigen Fußballehrer ist es nicht langweilig „obwohl mir die tägliche Arbeit, wie Ausarbeitung der Trainingseinheiten oder Matchpläne schon etwas fehlt“, wie er zugibt.

G.Mertin
Kocak 20181121 104606

„Ich war viel unterwegs, in der letzten Zeit, ich habe viele Gespräche geführt, mich mit Trainerkollegen ausgetauscht – und Sprachkurse belegt. Englisch und französisch“, berichtet er und ergänzt auf Nachfrage. „Englisch ist die Weltsprache, die man ohnehin beherrschen sollte und französisch halte ich für hilfreich bei der Trainingsarbeit mit afrikanischen Spielern, die ja oft diese Sprache sprechen. Ich habe mich auch einmal mit anderen Sportarten beschäftig, um etwas dazuzulernen, beispielsweise mit Taha Akgül, der im Ringen Europameister, Weltmeister und Olympiasieger ist und auch mit Hamit Altintop, der in seiner langen Karriere unter Trainern wie Louis van Gaal, Jose Mourinho oder Jupp Heynckes zusammenarbeitet. Die Erfahrungen dieser Leute sind sehr wertvoll.“

Kein Zweifel: Kenan Kocak nutzt die Zeit, die er jetzt hat, seit sich seine Wege und die des SV Sandhausen getrennt haben. „ Es gibt genügend Ansatzpunkte der Weiterbildung“, sagt er. „Wenn man nichts tut, wird sich auch nichts tun.“

Gab es auch Gespräche mit Fußballclubs?

„Ja, die gab es, aus dem In- und Ausland - auch aus der 2. Bundeliga, aber es war nichts dabei, bei dem ich spontan hätte sagen können: Das wäre es. Namen nennt er selbstverständlich nicht, aber Kenan Kocak hat sich in der Branche einen guten Namen gemacht und bewiesen, dass er auch mit bescheidenen Mitteln eine Mannschaft weiterentwickeln kann. Das macht ihn interessant für viele Clubs.

FC Türkspor, VfR Mannheim und SV Waldhof – das waren seine Trainerstationen, bevor ihn der Zweitligist SV Sandhausen vor rund zweieinhalb Jahren verpflichtete. Es ging also stets steil bergauf, für Kenan Kocak, und immer war er es, der ging. In Sandhausen machte zum ersten ersten Mal eine andere Erfahrung: Der Verein trennte sich von ihm. Wie geht er damit um.

„Das ist ein normaler Vorgang, in diesem Geschäft. Damit muss man leben“, antwortet er und man kann ihm abnehmen, dass er auch diesen Aspekt des Trainerlebens tatsächlich verinnerlicht hat.
„Es liegt ja nicht immer nur an der Arbeit eines Trainers, wenn es zur Trennung kommt“, erklärt er dann weiter. „Nehmen wir einmal das Beispiel Jürgen Klopp und Mainz 05. Dort hatte Jürgen Klopp einmal eine Phase von neun Spielen, in denen er nicht gewonnen hat und dann hat sich das Blatt gewendet. Der damalige Manager von Mainz 05, Christian Heidel, wusste genau wie Klopp arbeitet und hatte die nötige Geduld. Die beweist er jetzt auch auf Schalke mit Domenico Tedesco – woanders wäre Domenico vielleicht schon entlassen worden. Sandro Schwarz hatte – ebenfalls in Mainz - auch eine Serie von 6 Spielen, in denen seine Mannschaft nicht gewinnen konnte und weit unten stand. Dann ging es wieder aufwärts. Manchmal ist eben Geduld nötig. Aber ich kann auch Manager und Vereinspräsidenten verstehen, die sich Sorgen machen, wenn eine Mannschaft eine Zeitlang ganz unten steht. Da versucht man dann alles, das zu ändern – dann eben auch durch einen Trainerwechsel.“

Nejmeddin Daghfous steht plötzlich an unserem Tisch und begrüßt Kenan Kocak. Der immer noch verletzte Mittelfeldspieler des SV Sandhausen, freut sich sichtlich, seinen ehemaligen Coach zu sehen und macht deutlich, dass das Verhältnis zwischen den Spielern des SV Sandhausen und Kenan Kocak immer noch intakt ist. Nejmeddin Daghfous ist einer von vielen Akteuren der Hardtwälder, die Kenan Kocak lange fehlten, genau wie auch Andrew Wooten, Richard Sukuta-Pasu, Philipp Klingmann, Daniel Gordon, José Pierre Vunguidica um nur einige zu nennen. Dabei ging es meistens nicht um die „üblichen“ Sportverletzungen, die immer einkalkuliert werden müssen, sondern in mehreren Fällen um Knochenbrüche deren Heilungsprozess sich längere Zeit hinzieht.

Trotz der eng begrenzten finanziellen Mittel beim kleinsten der 36 Bundesliga-Clubs in Deutschland und der außergewöhnlichen Verletztenmisere, kann das Fazit von Kenan Kocaks Trainerzeit beim SV Sandhausen nur positiv ausfallen.

Der SV Sandhausen erreichte in der Saison 2016/17 die beste Platzierung der Vereinsgeschichte, holte in der Vorrunde 24 Punkte und in der Rückrunde 18 Punkte, wodurch sich auch die Einnahmen der TV-Gelder deutlich steigerten, zudem kam die Mannschaft kam im DFB-Pokal bis ins Achtelfinale. Die Defensive des SV Sandhausen war in dieser Saison die beste der 2. Bundesliga. Die Strukturen wurden professioneller, mit Dirk Stelly wurde ein Athletiktrainer verpflichtet, die Videoanalyse wurde eingeführt sowie die Leistungsdiagnostik.

In der Saison 2017/18 gelang dem SV Sandhausen der beste Saisonstart seit Zweitliga-Zugehörigkeit. Nach der Hinrunde stand das Team von Kenan Kocak auf Platz 5 und hatte nur 2 Punkte Rückstand auf Platz 2, den Relegationsplatz zur 1. Bundesliga. Die Saison schlossen die Hardtwälder auf Platz 11 ab und waren in der engen Tabelle gerade einmal 3 Punkte von Platz 5 entfernt. Dabei musste Kenan Kocak nach der Winterpause auf seinen effektivsten Stürmer verzichten, da Lucas Höler zum SC Freiburg transferiert wurde.

Bereits in der Vorbereitung auf die Saison 2018/19 häuften sich die Ausfälle wegen Verletzungen. Nejmeddin Daghfous riss das Kreuzband, Andrew Wooten, der in der Saison davor bereits wegen einer Oberschenkelverletzung und eine Muskelbündelrisses lange pausieren musste, hatte länger anhaltende Muskelprobleme, Philipp Klingmann hatte Anfang 2018 einen Schädelbruch erlitten, der bis in die neue Saison nicht gänzlich verheilt war, Karim Guédé zog sich einen Innnenbandanriss im linken Knie zu und Rurik Gislason war durch die Teilnahme Islands an der Weltmeisterschaft nur bedingt belastbar.

Die drei Niederlagen zum Auftakt durften daher keinen überraschen und wie schwer es ist, sich nach einem verpatztem Saisonstart nach oben zu arbeiten, mussten schon ganz andere Mannschaften erfahren. Und wenn die Ergebnisse nicht stimmen, greifen eben irgendwann einmal die Mechanismen der Branche. Dies wusste und weiß auch Kenan Kocak, der diese Erfahrung jetzt zum ersten Mal erleben musste. Aber er hinterlässt, wie bei allen seinen Trainerstationen, ein bestelltes Feld und ein intakte Mannschaft. Daher wünscht er seinem ehemaligen Club alles Gute im Kampf um den Klassenerhalt. Er selbst, da darf man ganz sicher sein, wird sicher bald wieder an der Seitenlinie stehen. Denn Kenan Kocak ist Trainer aus Leidenschaft. Und das wird er bestimmt bald wieder unter Beweis stellen.