Der Name Luštica Bay klingt irgendwie nach Spaß und Spiel.

w.goldschmitt
Foto1 Montenegros neue Ferienstadt

Tatsächlich wirkt die Siedlung von der Ferne betrachtet wie ein überdimensionales Legoland. Die Musterbauten sind akkurat aufgereiht und hübsch an den Küstenhang komponiert. Alles strahlt Frische und Sauberkeit aus. Fast kann der Besucher den Anstrich der Häuser noch riechen Aber die junge Ferienstadt im kleinen Staat Montenegro, der auf dem Weg in die EU ist, ist kein Kindertraum, sie lebt. Dem Stil eines traditionellen Steindorfs nachempfunden erscheint die mit Liebe zum Detail gestaltete Urlaubsadresse bei näherer Ansicht sehr authentisch.

Der Milliardär Samih Sawiris hat sich mit seiner Orascom Holding an dem idyllischen Flecken Erde ein Areal von sieben Millionen Quadratmetern gesichert und das Retortendörfchen aus dem Nichts hochgezogen. Binnen fünf Jahren ersetzten Luxuswohnungen und ein Fünf-Sterne-Hotel ein paar morsche Militärbarracken aus dem Kalten Krieg. Der erste Bauabschnitt des neuen Monte Carlo ist eröffnet, Liegeplätze für Luxusjachten warten auf reiche Kundschaft, ein Golfplatz steht vor der Einweihung. Übrigens eine Pioniertat, es wird der erste 18-Loch-Course in Montenegro. Und der Unternehmer, bereits die Touristenstadt El Gouna am Roten Meer geschaffen hat und sich dort einen Weinberg mitten in der ägyptischen Wüste leistet, will noch höher hinaus. Getreu der Devise "Der Himmel ist die Grenze" sollen für eine weitere Milliarde Euro bis nächstes Jahr ein zweiter Hafen, sieben Hotels mit insgesamt 800 Zimmern, rund 2000 Apartments, Villen und Stadthäuschen entstehen. Bis 2030 könnte dann auch „Centrale“ fertig sein, das Stadtzentrum mit Polizei, Feuerwehr, Krankenhaus. Woher die meisten Investoren kommen weiß man: aus Russland, den Vereinigten Arabischen Emiraten oder der Türkei. Aus welchen Quellen das Kapital fließt, um sich ein Domizil für eine siebenstellige Summe zu kaufen, will in Luštica Bay aber niemand so genau wissen. Wer sich in Montenegro als Ausländer Eigentum anschafft, kann bis zu sechs Monate im Jahr mit einem Langzeitvisum in seiner Wohnung leben. Auch wenn es um Steuern und Gebühren geht, ist Montenegro noch ein Schnäppchen.

 

Heute Blickfang und Mittelpunkt an der kleinen Uferpromenade: das Hotel "The Chedi". Der Holländer Mark de Ruijter führt das Spitzenhaus mit den günstigen Preisen. "Unsere Standardzimmer sind mit fünfzig Quadratmetern sehr geräumig und für ein Haus unserer Klasse vergleichsweise preiswert“ erzählt der Manager in perfektem Deutsch. Und nennt auch gleich den Grund für das ungewöhnliche Angebot: das noble Haus will in der Startphase mit Komfort zu erschwinglichen Kosten Dauergäste von morgen anlocken. Der Architekt hat sich ins Zeug gelegt. Der Baustoff Stein und überwiegend helle Töne schaffen schon im Rezeptionsbereich ein mediterranes Flair. Auch beim Design des Interieurs dominieren freundliche Farben: weiß, steingrau und beige. Dazwischen sticht immer wieder ein türkisfarbenes Element hervor – sei es ein Stuhl, ein Kissen oder eine Lampe. Das Haus zählt 111 Zimmer, zwei Bars, einen Privatstrand, ein Spa sowie zwei Swimmingpools. Neben einem neun Meter langen Schwimmbecken im Hallenbad gibt es einen Außenpool mit Blick auf den Jachthafen. Die Hotelküche offeriert in drei Restaurants neben lokalen Speisen auch Gerichte mit asiatischem Einschlag - und vor allem Qualität für den kleinen Geldbeutel. Im "Chedi" Oman oder Andermatt, zwei anderen Luxusherbergen von Orascom zahlt der Gast bereits für eine Suppe mehr als in Montenegro für ein ganzes Hauptgericht.
Wer mehr als nur die "lustige Bucht" erleben will, kann das Land nur mit dem Auto erkunden. Öffentliche Verkehrsmittel sind nur etwas für Anspruchslose mit viel Zeit und Geduld. Eine halbe Stunde entfernt liegt die berühmte Bucht von Kotor. Die alte Handelsmetropole zählt zum Unesco-Weltkulturerbe. Die restaurierte Altstadt liegt direkt am Meer. Für die Rückfahrt von Kotor nach Luštica Bay eignet sich ein Boot. Auf der Fahrt passiert man eine Kleininsel, auf der sich der sehenswerte Wallfahrtsort «Our Lady of the Rocks» befindet. Doch der Massentourismus bringt auch Probleme ins Land. Für alle, die nicht vom Geschäft profitieren, das die unzähligen Kreuzfahrtschiffe nach Kotor bringen, sind die Menschenmengen ein Ärgernis. Offen sprechen manche von "Overtourism", der sogar den Status als Unesco-Welterbe gefährden könnte. Wer den Emissionen der Schiffe entgehen möchte und Ruhe in den engen, malerischen Gässchen genießen will, sollte besser abends kommen, wenn die schwimmenden Riesen wieder auf See sind. Wolf H. Goldschmitt