Immer mehr Flüchtlinge wollen wieder nach Hause

Die Netzwerk-Partner: Hayat Erten, Caritasverband Mannheim (v.l.), Mara Pavic, Caritasverband für den Neckar-Odenwald-Kreis, Christian Heinze und Lisa Knoll, Diakonisches Werk Heidelberg, Birgit Andreas und Nadine Ladach, Caritas-Zentrum Ludwigshafen, Meinrad Edinger, Caritasverband für den Neckar-Odenwald-Kreis, und Sigrid Kemptner, Caritasverband Mannheim. Foto: Koch
K1024 Netzwerk
Netzwerk Rückkehrberatung zieht nach dem ersten Projektjahr Bilanz

Das Asylverfahren zieht sich hin. Die Familie ist weit weg. Manchmal schwebt sie sogar in Gefahr. Keine Perspektive, sich hier ein Leben aufzubauen. Die Abschiebung droht. Die Gründe sind vielfältig, die Konsequenz die gleiche: Immer mehr Flüchtlinge nehmen eine Rückkehrberatung in Anspruch, um wieder in ihr Heimatland zurückzukehren. Eine Steigerung der Beratungen von 52 Prozent hat das vor einem Jahr gegründete Netzwerk Rückkehrberatung Metropolregion Rhein-Neckar verzeichnet. Die Netzwerkpartner - das Caritas-Zentrum Ludwigshafen, das Diakonische Werk Heidelberg, der Caritasverband für den Neckar-Odenwald-Kreis und der Caritasverband Mannheim - haben heute im Rahmen eines Pressegesprächs eine Bilanz des ersten Projektjahrs gezogen. Gefördert wird das Netzwerk vom Asyl-, Migrations- und Integrationsfonds (AMIF) der Europäischen Union sowie durch Zuschüsse der beteiligten Bundesländer, Städte und Kreise.

Insgesamt haben die vier Verbände in den vergangenen zwölf Monaten 268 Fälle bearbeitet. Davon waren 571 Personen betroffen, da hinter einem Fall eine ganze Familie stehen kann. Es fanden 951 Beratungen statt. 329 Personen sind in Folge dessen ausgereist – auch dies eine Steigerung, sogar um 93 Prozent. Die Ausreise erfolgt freiwillig, die Berater ermöglichen eine organisierte Rückkehr in Sicherheit und Würde. In Fällen, in denen keine Abschiebung bevorsteht, ist die Rückkehrberatung überdies ergebnisoffen. Das heißt, die Menschen können sich auch dafür entscheiden, hier zu bleiben. So wie eine Klientin aus Gambia, die das Diakonische Werk Heidelberg betreute. Die 37-Jährige wartete seit mehr als zwei Jahren auf ihre Anerkennung als Flüchtling und fühlte sich einsam in Deutschland. Ihre Tochter aber hatte sich gut eingelebt und wollte bleiben. Die Mutter entschied sich gegen eine Rückkehr.

Anders bei einem Fall des Caritas-Zentrums Ludwigshafen, das seit November 2015 Rückkehrberatung anbietet: Dorthin kam eine Iranerin, die bereits zur Heimkehr entschlossen war, da einer ihrer Söhne dort lebensgefährlich erkrankt war. Hier ging es darum, die Reise zu organisieren, Dokumente zu besorgen und ihr eine Existenzgründung im Iran zu ermöglichen. Mit einer finanziellen Förderung durch das ERIN-Projekt, welches Rückkehrern bei der Reintegration hilft, konnte sie einen Beauty-Salon eröffnen.

Beim Caritasverband für den Neckar-Odenwald-Kreis haben sich die Beratungszahlen im ersten Projektjahr sogar verdoppelt. Zu den Klienten zählten viele Großfamilien aus den West-Balkanstaaten und viele Iraker, die wenige Wochen nach ihrer Ankunft wieder ausreisen wollten, weil sich ihre Erwartungen nicht erfüllt, Schleuser ihnen falsche Versprechungen gemacht hatten. „Auch syrische Flüchtlinge wollen wieder zurück“, berichtet Beraterin Mara Pavic. „Sie haben Heimweh nach ihren Familien. Aber wir können sie nicht zurück in ein Kriegsgebiet schicken.“

Sigrid Kemptner, Abteilungsleiterin beim Caritasverband Mannheim, erklärt: „Es geht nicht nur um Rückführung, sondern die Menschen sollen in ihrem Herkunftsland eine Perspektive haben.“ Ist eine ganze Familie betroffen, gilt dies für jedes Familienmitglied: Das bedeutet, den Lebensunterhalt der Eltern zu sichern, für die Kinder eine Schule zu finden. „Das ist ein immenser Aufwand, den wir hier treiben“, sagt Christian Heinze, Abteilungsleiter beim Diakonischen Werk Heidelberg. Dank des Austausches im Netzwerk und der einheitlichen Beratungsstandards sei es aber möglich, den Behörden fertige Ausreisekonzepte vorzulegen. „Das ist alles gut recherchiert und geprüft“, bekräftigt Sigrid Kemptner. Darüber hinaus profitieren die Verbände vom kirchlichen Netzwerk, beispielsweise dem Kontakt zu Caritas-Organisationen in anderen Ländern.

Einig sind sich die Netzwerkpartner darin: Von den vielen Flüchtlingen, die 2015 nach Deutschland gekommen sind, wird eine große Anzahl früher oder später eine Rückkehrberatung in Anspruch nehmen. Umso wichtiger sei ein flächendeckendes Angebot in Deutschland, wie es das Netzwerk in der Rhein-Neckar-Region jetzt bietet. Christian Heinze resümiert: „Auf uns kommt in den nächsten Jahren noch viel Beratungsarbeit zu.“ (juk)