Am Mannheimer Rheindamm droht ein Kahlschlag

Goldschmitt
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Regierungspräsidium will für Hochwasserschutz tausende Bäume fällen / Widerstand formiert sich


Mannheim. Die Frage aller Fragen lautet: Gefährden mehrere 1000 Bäume den Mannheimer Hochwasserschutzdamm entlang des Rheins oder garantieren gerade die starken Wurzeln seine Stabilität? Das Regierungspräsidium Karlsruhe (RP) fordere den "radikalen Kahlschlag" sagen die Gegner der Pläne. Das Abholzen für ein Jahrhundertbauwerk sei alternativlos, kontert die Behörde. Auf rund vier Kilometern Länge sei der Damm in einem schlechten Zustand und soll saniert werden. Doch Widerstand formiert sich. Bei den Bürgern im Süden der Stadt überwiegt das Misstrauen - wie eine sehr aggressiv geführte Aussprache vor 500 Zuhörern erst am Wochenende wieder gezeigt hat.
Der Mannheimer Rheindamm beginnt am Großkraftwerk im Stadtteil Neckarau und mündet in einen attraktiven Auenwald, der am Rhein normalerweise selten vorkommt und sich zum Naherholungsgebiet für Radler und Jogger entwickelt hat. Bei einer Sicherheitsprüfung durch den "Landesbetrieb Gewässer" habe man herausgefunden, dass der Wall marode sei, so das RP. Er stehe deshalb wegen des Klimawandels und seiner möglichen Folgen
zusammen mit dem Karlsruher Damm zwischen Eggenstein-Leopoldshafen und Rußheim ganz oben auf der Prioritätenliste des Landes. Etwa 12,5 Millionen Euro und vier Jahre Bauzeit sind in Mannheim für neue Spundwände veranschlagt. Dafür soll eine 35 bis 55 Meter breite Schneise am Damm baumfrei werden. Die Warnung des RP: Drei Stadtteile könnten bei einem 200-jährigen Hochwasser bis zu vier Meter hoch überflutet werden. Sicherheit gehe eben vor Freizeitspaß, sagt Armin Stelzer, zuständiger Referatsleiter und Geschäftsführer des Landesbetriebs Gewässer. Und ergänzt in der Diskussionsrunde: Niemand wolle gern Bäume fällen, aber das sei wirklich notwendig, um den Rheindamm sicher zu machen.
Dieser gewaltige Eingriff in die Natur bringt dennoch die Volksseele zum Kochen. Nicht zuletzt die örtliche Bürger-Interessen-Gemeinschaft hat kein Vertrauen in die Aussagen der Behörden, zumal bereits bei der Anzahl der zu fällenden Bäume getrickts worden sei. Deren Sprecher Wolf-Rainer Lowack bringt es auf den Punkt: "Wir glauben einfach nicht, was das Regierungspräsidium verkündet und wir akzeptieren ein in Auftrag gegebenes geologische Gutachten des Karlsruher Instituts für Technik ebenfalls nicht. Das ist nicht neutral." Lowack nennt Experten, die sagen, dass Baumwurzeln den Damm eher stabilisieren als schädigen. Deshalb können allein ein externes Gutachten angesichts der inzwischen verhärteten Fronten einen Ausweg bieten, fordert die Interessen-Gemeinschaft, die parallel eine bundesweite Unterschriftenaktion bei Open Petition laufen hat.
"Dass der herrliche Auenwald leidet, treibt uns alle um“, bedauert auch die Mannheimer Umweltbürgermeisterin Felicitas Kubala (Grüne). Die Stadtverwaltung sei in die Planungen zwar nicht direkt eingebunden, jedoch müsse der Antrag auf Planfeststellung beim Rathaus eingereicht werden. Kubala bremst die Erwartung des RP, dass der Antrag dieses Jahr noch gestellt werden könne. Für sie sind noch zu viele Fragen offen. Gegebenenfalls will man ein Gutachten in Auftrag geben, falls nach der KIT-Expertise weiterhin Erklärungsbedarf bestehe, nimmt die Bürgermeisterin vorerst Dampf aus der aufgeheizten Atmosphäre.

 

Wolf H. Goldschmitt