Martin-Luther-Moment in Ladenburg: Geschichte(n) zu Luthers Widerrufsverweigung auf Wormser Reichstag Kabinettausstellung im Kreisarchiv bis 15. Oktober als Bildungsreise

Einmal mehr empfiehlt sich das historische Gedächtnis des Rhein-Neckar-Kreises, das Kreisarchiv in Ladenburg, als hervorragender Ausstellungsort. Dort hat jetzt (Donnerstag, 29. Juli) Landrat Stephan Dallinger die Ausstellung „Luther in Worms − Bibel, Vernunft, Gewissen“ eröffnet und zeigte sich hoch erfreut über die große Resonanz der ersten öffentlichen Kulturveranstaltung in Präsenz seit Beginn der Corona-Restriktionen. Rund 50 Besucherinnen und Besucher, darunter Landtagsabgeordnete, Kreisräte und Vertreter der Kirchen, waren gekommen, um sich die über 50 Exponate anzuschauen, die das epochale Ereignis der Reformation bzw. den Auftritt Luthers in Worms in den historischen Kontext einer Übergangszeit des Niedergangs und des Aufbruchs zur Erneuerung der ganzen Christenheit durch das Evangelium widerspiegeln.

Diese Exponate stammen aus der umfangreichen Dokumenten-, Bücher- und Bibelsammlung von Herbert Kempf (Viernheim) und sie setzen eine Ausstellung fort, die dieser zusammen mit Pfarrerin Dorothee Löhr bereits in der Feudenheimer Kulturkirche Epiphanias gezeigt hat. Zwar sei Ladenburg kein authentischer Luther-Ort, schmunzelte Landrat Dallinger. Aber im Dreieck gelegen zwischen Heidelberg, wo Luther seine 95 Thesen vor dem Generalkapitel seines Ordens erläuterte (1518), Worms, wo er vor 500 Jahren auf dem Reichstag als ein von Rom verurteilter Mönch gegenüber Kaiser Karl V. standhaft blieb, und Speyer, wo auf einem weiteren Reichstag (1529) Vertreter der evangelischen Minderheit gegen die Verhängung der Reichsacht über Martin Luther sowie die Ächtung seiner Schriften protestierten und damit die Welt ins Wanken brachten, doch idealer Standort für diese Kabinettausstellung. Und gerade die aktuelle Verleihung des Welterbe-Titels an die SCHUM-Städte Speyer, Worms und Mainz zeige, dass das Gebiet an Rhein und Neckar schon immer ein Epizentrum sowohl weltlicher Macht und religiöser Wirkung wie auch von Wissenschaft und Bildung gewesen war, was ihn mit Stolz erfülle, sagte der Landrat.

Herbert Kempf zeigte sich erfreut, dass die zusammen Dorothee Löhr erarbeitete Ausstellung im Kreisarchiv so hervorragend präsentiert werden kann. Sie umfasst drei Teile, natürlich Luthers historischen Auftritt auf dem Reichstag vor genau 500 Jahren, aber auch die Zeit davor von der Scholastik über den Humanismus und Renaissance sowie die Nachwirkungen der Reformation. Als Kurator erläuterte er, dass sich unter den gezeigten Faksimiles und originalen Druckausgaben, vieles Sehenswerte befindet, wie die erste Bibel in deutscher Sprache, eine Vulgata von 1519 mit handschriftlichen Anmerkungen, die 1503 in Freiburg gedruckte Enzyklopädie von Gregorus Reich, zu dessen wissenschaftlichen Kreis viele Humanisten gehörten, deren Arbeiten ebenfalls ausgestellt sind. Von Jakob Wimpfeling etwa ist die Schrift „Über den Heiligen Geist“ ausgelegt, der Druck einer Rede in der Marienkapelle in Heidelberg 1483, in der er auf Missstände geistlichen und klösterlichen Lebens einging, was vor allen Studenten des benachbarten Zisterzienserklosters Schönau galt.

Pfarrerin Dorthes Löhr bezeichnete den „Besuch der Ausstellung als eine Bildungsreise“, denn hier lasse sich auch in Bezug auf die Wormser Ereignisse rund um den Reichstag 1521 vieles sehr anschaulich betrachten. Darunter sind die Bullen des Papstes gegen Martin Luther ebenso wie seine Ladung zum Reichstag. Auf dem Weg dorthin erfuhr Luther über eine öffentliche Bekanntmachung, dass er dort lediglich widerrufen sollte und nicht diskutieren durfte. Dokumentiert ist auch das „Verhör“ und Luthers Stellungnahme bis hin zum kolorierten Holzschnitt von 1556, der dessen Aussage als frühe Propaganda in dem so nie gesagten Satz verdichtete „Hier stehe ich und kann nicht anders. Gott helfe mir. Amen“. Überhaupt, so Dorothee Löhr, sei Luther „ein großes Medienereignis in Wort und Bild“ gewesen, dessen viele Positionen und Erscheinungsarten über Flugblätter und im Buchdruck verbreitet wurden.

Wie groß die Bedeutung Luthers und seine Botschaft in der Folgezeit geworden sind, lässt sich aus den Fotos erahnen, die von Dorothea Burkhardt für das Buch „Sakrale Kunst im Rhein-Neckar-Kreis“ aufgenommen wurden und die die Ausstellung ergänzen, darunter die bereits 1611, nur 90 Jahre nach dem Womser Reichstag, für die Stadtkirche Neckarbischofsheim geschaffen Alabasterkanzel, auf der der Evangelist Lukas die Züge Martin Luthers trägt. Zur Kabinettausstellung ist ein 80-seitiger Begleitkatalog erschienen, in dem alle Exponate ausführlich beschrieben werden.

INFO:
Ausstellungsort: Kreisarchiv Rhein-Neckar-Kreis Trajanstraße 66, 68526 Ladenburg
Öffnungszeiten: Bis 15. Oktober 2021, Mo−Do 9:00−16:00 Uhr, Fr 9:00−12:00 Uhr sowie So 5. September und 10. Oktober, 14:00−17:00 Uhr
Führungen: Mi 25. August und 29. September, 17:30−19:00 Uhr.
Wegen der Coronabeschränkungen sind für die Führungen Voranmeldungen mit der Erhebung der Kontaktdaten zwingend notwendig. Interessierte sollen sich deshalb möglichst frühzeitig telefonisch beim Kreisarchiv (Tel. 06221-5227740) bzw. per Mail (Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!) anmelden.

Der Eintritt ist frei.

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(Foto Landratsamt Rhein-Neckar-Kreis):

01: Zwar mit Abstand und im Freien – aber Landrat Stefan Dallinger freute sich, mit „Luther in Worms“ wieder eine Ausstellung mit Besucherinnen und Besucher im Kreisarchiv in Ladenburg eröffnen zu können.