BARMER GEK Arztreport 2016

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Mehr als 374.000 Baden-Württemberger haben chronische Schmerzen

Heidelberg. In Baden-Württemberg leiden rund 374.000 Menschen an chronischem Schmerz, dessen Ursache unbekannt ist. Das sind 3,49 Prozent der Gesamtbevölkerung. Zu diesem Ergebnis kommt der BARMER GEK Arztreport 2016, der heute in Heidelberg vorgestellt wurde. Damit liefert die Studie erstmals valide Zahlen auf Basis von Krankenkassendaten.
Deutschlandweit wurde bei etwa 3,25 Millionen Menschen eine chronische Schmerzdiagnose ohne direkten Organbezug dokumentiert, was 4,02 Prozent der Bevölkerung entspricht. Zudem zeigen die Zahlen der BARMER GEK, das chronische Schmerzen keinesfalls eine Alterserscheinung sind. Gut zwei Drittel der Patienten sind jünger als 65 Jahre.

„Wir müssen alles tun, damit Schmerzpatienten besser leben können“, sagt der Landesgeschäftsführer der BARMER GEK Baden-Württemberg, Winfried Plötze. Dazu zähle auch die Vermeidung von chronischen Schmerzen, „denn als Schmerzpatient wird man nicht geboren, man wird dazu gemacht.“ Von den ersten Symptomen bis hin zur ersten qualifizierten Schmerzbehandlung vergehen in Baden-Württemberg fast vier Jahre. In dieser Zeit werde viel, aber selten das Richtige getan. Plötze: „Mediziner müssen schon frühzeitig an die psychische und soziale Dimension des Schmerzes denken, nur so kann eine Chronifizierung vermieden werden. Dafür ist vor allem Interdisziplinarität notwendig. Angesichts von Millionen Betroffenen muss die Bekämpfung des chronischen Schmerzes nationales Gesundheitsziel werden.“

43 von 100.000 Betroffenen erhalten eine multimodale Schmerztherapie
Chronische Schmerzen sind eine eigenständige Erkrankung, die besonders behandelt werden muss. Eine solche Möglichkeit stellt die multimodale Schmerztherapie dar, eine interdisziplinäre und zeitintensive Behandlung, die nur im Krankenhaus durchgeführt wird. Im Schnitt dauert eine multimodale Schmerztherapie 14 Tage, die Kosten liegen bei rund 4.000 Euro. In Baden-Württemberg erhalten nur 0,043 Prozent der Betroffenen eine multimodale Schmerztherapie. Professor Marcus Schiltenwolf, Leiter der konservativen Orthopädie und Schmerztherapeut der Heidelberger Uniklinik erklärt, „dass nicht jeder, der chronische Schmerzen hat, eine multimodale Schmerztherapie benötigt.“ Wer multimodal behandelt wird, muss mindestens drei Merkmale wie etwa eine drohende Beeinträchtigung der Lebensqualität, eine fehlgeschlagene unimodale Schmerztherapie und eine gravierende Begleiterkrankung aufweisen. Die BARMER GEK unterstützt die Bemühungen seitens der Fachgesellschaften, verbindliche Qualitätskriterien für die multimodale Schmerztherapie zu entwickeln. Die Zahl der Krankenhäuser, die eine multimodale Schmerztherapie im Angebot haben, hat sich zwischen den Jahren 2006 und 2014 mehr als verdoppelt, doch bei der Therapie „sei oftmals nicht drin, was drauf steht“, so Plötze.

Chronischer Schmerz im Landkreis Ravensburg am häufigsten
In Baden-Württemberg leben die meisten Menschen mit chronischen Schmerzen laut BARMER GEK Arztreport im Landkreis Ravensburg, dort sind über 5 Prozent der Bevölkerung betroffen. In Heidelberg liegt die Betroffenenrate bei 3,6 Prozent, im Rhein-Neckar-Kreis bei 4,9 Prozent. Die wenigsten Menschen mit chronischen Schmerzen weist im Südwesten der Landkreis Heidenheim mit gut zwei Prozent aus.

Viele Betroffenen, viele ambulante Behandlungsfälle
Niedergelassene Ärzte mit einer entsprechenden Zusatzqualifikation dürfen chronische Schmerzen ambulant behandeln. Statistisch gesehen kommen auf 100.000 Baden-Württemberger 1,5 niedergelassene Schmerztherapeuten (Bundesdurchschnitt: 1,4). In Baden-Württemberg erhalten rund 1 Prozent der Betroffenen eine ambulante Schmerztherapie. Regional unterscheidet sich die Versorgung deutlich. In Kernstädten werden schmerztherapeutische Leistungen häufiger genutzt und dort, wo die Betroffenenquote hoch ist, ist meist auch die ambulante Behandlungsquote höher. In Heidelberg erhalten 1,75 Prozent der Schmerzpatienten eine ambulante Therapie, im Landkreis Ravensburg mehr als zwei, in Heidenheim dagegen nur 0,15 Prozent der Betroffenen.