Waldhof is coming home?

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Prüfung des Standorts Spiegelfabrik für ein neues Waldhof-Stadion
Eins vorweg: Wir fühlen uns wohl in unserem „Wohnzimmer“ Carl-Benz-Stadion (CBS) und auf unserer Otto-Siffling-Tribüne (OST). Seit mittlerweile 28 Jahren ist dies die Heimspielstätte unseres Sportvereins. Und ja, der Standort unseres Stadions ist in mehrerlei Hinsicht nicht ideal. Wer wüsste das besser als wir Fans, wurde doch der offizielle Stehplatzbereich damals aufgrund von standortbedingten Auflagen in die unliebsamen Ecken verbaut. Hätte die Fanszene nach dem Lizenzentzug 2003 – und dem damit verbundenen Abstieg in den Amateurfußball (bis herunter in die Oberliga) – nicht gemeinsam mit dem Verein den Umzug aus den Ecken auf die Sitzplätze hinter dem Tor beschlossen, hätten wir noch heute den wahrscheinlich akustisch unvorteilhaftesten Heimblock der Republik.

Dennoch hängen mittlerweile viele Waldhof-Fans und Mitglieder an diesem Stadion. Nicht nur, weil wir uns mit der OST eine würdige Heimkurve erarbeitet haben, die deutschlandweit respektiert wird, sondern auch, weil wir in diesem Stadion schon sehr viel zusammen erlebt haben. Von zahlreichen „Derby“-Schlachten, über zwei Fast-Aufstiege in die 1. Bundesliga, die Insolvenz 2003 und den anschließenden 16 Jahren in den Niederungen des Amateurfußballs, bis hin zum Wiederaufstieg in den Profifußball 2019, haben wir, hat das CBS viel gesehen und erlebt.

Uns ist natürlich bewusst: Die Entscheidung, ob perspektivisch ein Festhalten am jetzigen Standort oder ein Neubau an anderer Stelle für Stadt und Verein sinnvoller ist, wird am Ende nicht anhand unserer Nostalgie gefällt. Deshalb finden wir es ausdrücklich gut, dass derzeit mit Hilfe eines unabhängigen Gutachtens geprüft wird, was für Stadt und Verein langfristig ökonomisch und ökologisch den größten Mehrwert bringt. Wir warten das Ergebnis gespannt ab.

Sollte sich daraus ergeben, dass Mannheim mittelfristig ein neues Fußballstadion an anderer Stelle braucht, wünschen wir uns eine ergebnisoffene Diskussion, welcher Standort für unsere Stadt und unseren Verein langfristig der sinnvollste ist. Wurden hierfür bislang ausschließlich zwei Standorte auf der „grünen Wiese“ (das Bösfeld oder die Gegend rund um die Autobahnanschlussstelle MA-Sandhofen) diskutiert, bringen wir hier nun eine Idee ein, die es aus unserer Sicht verdient, ernsthaft geprüft zu werden: Ein Waldhof-Stadion auf dem Gelände der Spiegelfabrik, die 2020 bedauerlicherweise die Produktion eingestellt hat.

1. Einmalige Chance: zurück zu unseren Wurzeln
Die Spiegelfabrik auf dem Luzenberg ist in der Stadtgeschichte Mannheims und in deren Entwicklung hin zur Industrie- und Arbeiterstadt, wie wir sie heute kennen, von herausragender Bedeutung. Ihre Gründung 1853 war quasi der Grundstein des Industriegebiets und Stadtteils Waldhof. An die Spiegelfabrik der „Vereinigten Glaswerke“ angeschlossen, war die Spiegelkolonie eine Wohnsiedlung für die Beschäftigten des Werks, die gleichzeitig die älteste Arbeitersiedlung auf der heutigen Mannheimer Gemarkung war. Um das Werk herum entwickelte sich der Waldhof zu einem Stadtteil. Leider wurde die Fabrik im Sommer 2020 stillgelegt.
Die „Spiggl“, wie sie im Volksmund genannt wird, ist nicht nur die Wiege des Stadtteils Mannheim-Waldhof, sondern auch unseres Sportvereins. Noch bevor die 42 Gründungsmitglieder den SV Waldhof 07 (SVW) am 11. April 1907 aus der Taufe hoben, waren es die Straßen der Spiegelkolonie und das sogenannte „Spiegelwäldchen“, in denen die Buwe das Ballspiel erlernten und erste Vorgängervereine des SVW gründeten. Seppl Herberger und andere Vereinslegenden dieser Zeit sind hier geboren und aufgewachsen, ja sind Kinder der Spiegelkolonie.

Noch heute atmet der kleine Teil der Spiegelkolonie auf dem Luzenberg, der erhalten und unter Denkmalschutz gestellt werden konnte, in jedem Stein den Geist unserer Vereinsgeschichte. Diese Straßenzüge sind für jeden Waldhöfer ein besonderer Ort und das spürt man auch. Genauso auch die Straßenzüge auf der anderen Seite des Fabrikgeländes in Waldhof-West. An der Altrheinstraße liegt die im Volksmund „Schlammloch“ genannte erste Spielstätte des SV Waldhof. Zwei Straßen weiter in der Oppauer Straße befinden sich der Seppl-Herberger-Platz und die berühmte Waldhof-Schule, wo viele Gründungsväter unseres Vereins die Schulbank drückten und hinter der sich mit dem sogenannten „Sandacker“ die zweite Spielstätte unseres Vereins befand. Noch eine Straße weiter wurde unser Sportverein in der Hubenstraße 20 gegründet, ein Haus weiter in der Nummer 18 die Stürmerlegende Otto Siffling geboren. Man könnte diese Liste lange fortsetzen. Kurz gesagt: Mehr SV Waldhof als die Straßen rund um das Gelände der stillgelegten Spiegelfabrik geht schlichtweg nicht. Die Prüfung, ob dieses Gelände für ein neues Waldhof-Stadion in Frage kommt, ist nichts anderes als zu prüfen, ob der SV Waldhof nach Hause kommen kann.

Als organisierte Fanszene und Vereinsmitglieder ist uns die Traditionspflege im Heimatstadtteil unseres Vereins seit Jahren ein großes Anliegen. Wir schätzen die reichhaltige Geschichte und werden immer versuchen, sie zu erhalten, wie bspw. zuletzt mit der öffentlichen Forderung, das „Schlammloch“ und das „Spiegelschlössl“ nach der Schließung der Fabrik zu erhalten sowie einen Sportplatz „neuer Sandacker“ hinter der Waldhof-Schule für die Schülerinnen und Schüler zu errichten. Deshalb wird es sicher niemanden überraschen, dass wir aus Fan- und Mitgliederperspektive das Gelände der Spiegelfabrik als den geeigneten Ort schlechthin für ein neues Waldhof-Stadion ansehen. Jedoch gibt es aus unserer Sicht auch über die „Fußballromantik“ hinaus gute Argumente, weshalb man sich diesen Standort näher anschauen und ihn ernsthaft prüfen sollte.

2. „Marke“ Working class football since 1907 weiter stärken
Fußball besteht nicht nur aus Fanromantik, sondern ist (leider) ein Geschäft. Das ist uns auch als Fans bewusst, wenngleich die Leidenschaft zum Sport und die Liebe zum Verein für uns immer an erster Stelle steht. Besucht man die offizielle Website des SV Waldhof Mannheim 07, so prangt direkt oben unübersehbar der Slogan „Working class football since 1907“. Das ist beim SVW mehr als nur ein erfundener Marketingspruch, nämlich ein Statement, zu dem unter den Mitgliedern und im Vereinsumfeld eine sehr hohe Identifikation besteht. Es ist ein Bekenntnis zu unserer Geschichte und unseren Wurzeln im Arbeiterstadtteil Waldhof. Der obengenannte Slogan – oder seine deutsche Übersetzung „Fußball der Arbeiterklasse seit 1907“ – findet sich nicht nur auf zahlreichen offiziellen Fanartikeln des Vereins, sondern auch auf Aufklebern, Graffiti, Klamotten und Websites der Fanszene. Ein „Claim“, der authentisch gelebt wird, könnte durch einen Stadionstandort auf dem Gelände der Spiegelfabrik nochmals massiv gestärkt und weiter mit Leben gefüllt werden.

Zugegeben, wenn es um unseren SVW geht, haben wir eine ausgeprägte Phantasie, aber gestatten wir dieser doch kurz einmal etwas Raum: Man stelle sich vor, ein Stadion mit offenen Ecken. In einer dieser Ecken können die Zuschauer aus dem Stadion heraus einen dann hoffentlich denkmalgeschützten Schornstein der ehemaligen Spiegelfabrik sehen und in einer anderen offenen Ecke den hoffentlich ebenfalls denkmalgeschützten VEGLA-Industriewasserturm. Ist mehr „Working-class-Flair“ bei einem Heimspiel eines Arbeitervereins überhaupt vorstellbar? Man stelle sich eine rein aus Stehplätzen bestehende neue Otto-Siffling-Tribüne hinter dem Tor vor (die bestenfalls so gebaut ist, dass der Schall Richtung Altrhein und Friesenheimer Insel und nicht ins Wohngebiet abgeht). Ist mehr akustischer Heimvorteil vorstellbar? Man stelle sich eine moderne Geschäftsstelle, ein großes Waldhof-Museum und Hospitality-Räume (als Aufenthaltsmöglichkeit für die Businness-Club-Mitglieder, nachdem sie das Spiel in den Logen der neuen Walter-Spagerer-Tribüne geschaut haben) in einem nach Denkmalschutzvorgaben stilvoll hergerichteten ehemaligen Fabrikgebäude vor? Ist eine bessere „Markenstärkung“ und Sponsorenbindung vorstellbar? Man stelle sich vor, das „Spiegelschlössl“ und andere Kneipen auf dem Waldhof/Luzenberg dienen vor und nach den Spielen als Anlaufstellen und Treffpunkte der Heimfans. Ist mehr Symbiose aus Sportverein Waldhof Mannheim 07 und dem Stadtteil Mannheim-Waldhof, ist eine authentischere Würdigung der eigenen Wurzeln und Geschichte überhaupt vorstellbar?

Das Gelände der Spiegelfabrik ist um einiges größer als das Gelände des jetzigen CBS. Der Platz für ein Stadion wäre dort also grundsätzlich vorhanden. Es müsste geprüft werden, welche der heutigen Fabrikgebäude für ein Stadion abgerissen werden dürften und welche unter Denkmalschutz stehen und in das neue Stadiongelände integriert werden können. Eine Symbiose aus alt und neu mit einem authentischen Industrie- und Arbeiterfußball-Charme ist vorstellbar. Gleichzeitig könnten mit dem Erhalt des „Spiegelschlössl“ und des „Schlammloch“ wichtige Orte der Vereinsgeschichte ins Umfeld des Stadiongeländes integriert sowie mit einem kleinen Sportplatz „neuer Sandacker“ hinter der Waldhof-Schule ein wichtiger sozialer Beitrag für die Schülerinnen und Schüler des Stadtteils geleistet werden. Gelänge dies dem SV Waldhof und der Stadt Mannheim, hätte der SVW ein absolutes Alleinstellungsmerkmal, als einziger Fußballverein, der seine Heimspiele auf einem ehemaligen Fabrikgelände austrägt – auch noch dort, wo seine Wurzeln liegen.

3. Ökologische und städtebauliche Nachhaltigkeit
Uns ist ebenfalls bewusst, dass eine Debatte über einen etwaigen Stadionbau an neuer Stelle nicht nur Vereins- und Faninteressen tangiert, sondern eine ist, welche die gesamte Stadtgesellschaft etwas angeht. Insbesondere in einer Stadt wie unserem Mannheim, die sehr von Industrie geprägt ist, wissen wir, das ökologische Aspekte für die Lebensqualität von enormer Bedeutung sind. Auch in dieser Hinsicht bietet der Standort Spiegelfabrik enorme Vorteile gegenüber Standorten auf der „grünen Wiese“.

3.1. In realistischen Dimensionen planen – Anwohner und Baumbestand schützen
Eins ist klar: Der Bau eines Stadions auf dem Spiegelfabrik-Gelände muss die Interessen der Anwohner berücksichtigen. Von vielen Anrainern wissen wir, dass die fast 170 Jahre Produktion der Spiegelfabrik auf diesem Gelände ihren Alltag kaum bis gar nicht beeinträchtigte. Das liegt nicht nur daran, „dass die Fabrik halt schon immer da war und dazugehörte“, sondern auch, weil die Bewaldung, die fast einmal komplett um das Gelände herumgeht, als eine Art „Lärmschutz“ diente. Deshalb ist es angeraten, möglichst wenig dieses über Jahrzehnte gewachsenen Waldbestandes anzutasten, auch um diese „akustische Barriere“ zu den Wohngebieten beizubehalten. Zugänge und Zufahrten bestehen durch den Haupteingang zum Fabrikgelände in der Spiegelstraße und durch die beiden Zufahrten an der Sandhofer Straße ohnehin schon. Hierfür müssten keine Bäume gefällt werden.

Zudem plädieren wir dafür, bei der Größe eines neuen Stadions eine realistische, dem Fußballstandort Mannheim angemessene Größe, im Blick zu haben. Nicht nur, weil ein großer, im Alltag nicht komplett ausgenutzter Betonklotz eine große Ressourcenverschwendung ist, sondern auch, weil uns andere Fußballstandorte in Deutschland ein mahnendes Beispiel sein müssen, welche Belastung ein zu großes Stadion für Stadt und Verein werden kann. Eine Kapazität von 30.000 bis 35.000 Plätzen reicht für Mannheim allemal aus, und ein Stadion dieser Größenordnung wäre auf dem Spiegelfabrik-Gelände generell gut vorstellbar.

3.2. Vorhandene Infrastruktur nutzen
Würde die Stadt Mannheim ein neues Fußballstadion auf der „grünen Wiese“ bauen, müsste zunächst die Infrastruktur für ein solches geschaffen werden. Beim Standort Spiegelfabrik ist eine umfangreiche Infrastruktur bereits vorhanden, um den An- und Abtransport der Zuschauer zu gewährleisten. Die Anbindung mit dem ÖPNV wäre für Zuschauer sehr attraktiv. Rund um das Gelände befinden sich vier Stadtbahnstationen (Luzenberg Bahnhof, Waldhof Bahnhof, Altrheinstraße und Stolberger Straße), zwei Bushaltestellen (Luzenberg Bahnhof und Waldhof Bahnhof) sowie zwei S-Bahnhöfe (Mannheim-Luzenberg und Mannheim-Waldhof). In unter 10 Minuten Fahrtzeit gäbe es per S-Bahn eine Direktanbindung vom Mannheimer Hbf für die Fans, die aus den etwas weiter entfernten Mannheimer Stadtteilen oder der gesamten Kurpfalz anreisen. Von jeder Haltestelle (ob S-Bahn, Stadtbahn oder Bus) wären es nur wenige Minuten Fußweg bis zum Stadiongelände. Auch wenn Gästefans per Zug anreisen, könnten durch die zwei bestehenden S-Bahnhöfe die Zuschauerströme getrennt werden. Die aktuell stillgelegte Gleisabzweigung in das Spiegelfabrik-Gelände könnte eventuell sogar reaktiviert und ein eigener S-Bahn-Halt „Stadion“ errichtet werden.

Mehr Fans würden „von der Straße auf die Schiene“ ausweichen und für diejenigen, die dennoch bei der Anreise auf ihren PKW angewiesen sind, müssten keine neuen Parkflächen gebaut werden. Die großen Firmenparkplätze des Mercedes-Benz-Werks, von Roche Diagnostics und der Zellstofffabrik (Essity) liegen alle unweit des Spiegelfabrik-Geländes und könnten potenziell mit Kooperationsverträgen genutzt werden. Indem vorhandene Infrastruktur genutzt, statt neue teuer gebaut wird, könnten wichtige Ressourcen gespart werden, die Mannheim an vielen Stellen braucht.
Nicht zuletzt hätte der Standort auf einem ehemaligen Fabrikgelände mit LKW-Zufahrten natürlich auch schon während der Bauphase gewisse Vorzüge.

3.3. Keine neue Flächenversiegelung und kein Zubauen von Frischluftschneisen
Ein Neubau auf der „grünen Wiese“ würde immer bedeuten, dass neue, bisher unbebaute Flächen versiegelt werden müssten. Warum also für einen etwaigen Stadionneubau neue Flächen versiegeln, bevor nicht ernsthaft geprüft wurde, ob ein Fabrikgelände, das bereits seit 170 Jahren versiegelt ist, zu einem Stadiongelände umgenutzt werden kann?

Außerdem ist insbesondere in einer stark von Industrie geprägten Kommune ein Neubau auf der „grünen Wiese“ immer mit der Frage verbunden, ob die wichtige Frischluftzufuhr dadurch beeinträchtigt werden könnte. Auch diesbezüglich sehen wir den Standort Spiegelfabrik mit Vorteilen behaftet, denn hier würde keine Frischluftschneise zugebaut, sondern eine bereits bebaute Fläche neu bebaut werden.

3.4. Kurze Wege zwischen Stadiongelände Spiegelfabrik und Vereins- und Trainingsgelände am Alsenweg
Wer von ökologischer Nachhaltigkeit und Ressourcenschonung spricht, darf natürlich nicht nur an die Bauphase, sondern muss auch an die spätere Betriebsphase denken. Die kurzen Wege zwischen dem Vereins- und Trainingsgelände am Alsenweg und einem Stadion auf dem Spiegelfabrikgelände hätten selbstredend Vorteile gegenüber einer Situation, in der ein ganzer Tross ständig zwischen zwei Standorten „durch die halbe Stadt“ pendeln muss.

4. Fazit: Was wir uns wünschen
Falls das Gutachten überhaupt ergeben sollte, dass ein Stadionneubau an anderer Stelle als dem heutigen CBS für die Stadt Mannheim ökonomisch und ökologisch sinnvoll ist, wünschen wir uns eine ergebnisoffene Diskussion über einen geeigneten Standort. Stadtgesellschaft, Kommunalpolitik und Verein sollten alle möglichen Standorte und alle Aspekte (ökonomische, ökologische, Fanperspektive) in die öffentliche Debatte mit einbeziehen, an der wir uns als Fandachverband dann natürlich auch gerne beteiligen. Sollte das Gutachten aber zu dem Ergebnis kommen, dass eine Sanierung/Umbau des CBS an jetziger Stelle sinnvoller ist, dann fühlen wir uns auch weiterhin wohl in unserem „Wohnzimmer“.

PRO Waldhof e.V.
Offizieller Fandachverband des SV Waldhof Mannheim 07