Fussball

DFB-Pokal Waldhof gegen Kaiserslautern: Wann ist endlich Schluss?

Fussball Von Lothar Binder 7 Min. Lesezeit

AG Privat

Ein Leserbrief zum Nachdenken über Gewalt, Verantwortung und die Frage, wie viel Eskalation wir rund um ein Fußballspiel noch hinnehmen wollen.

Ich frage mich nach diesem Abend ernsthaft: Was ist eigentlich aus unserem Fußball geworden?

Am 21. August 2026 spielten der SV Waldhof Mannheim und der 1. FC Kaiserslautern im DFB-Pokal gegeneinander. Eigentlich sollte man danach über Tore, Chancen, Leidenschaft und einen spannenden Pokalabend sprechen.

Stattdessen müssen wir über 1.400 eingesetzte Polizeikräfte sprechen. Über Wasserwerfer und Reiterstaffel. Über Pyrotechnik, Raketen, herausgerissene Sitzschalen, einen Platzsturm, Pfefferspray, Schlagstöcke, einen Brand, Verletzte, Krankenhausbehandlungen und Ermittlungsverfahren.

Wir reden hier über ein Fußballspiel!

23.500 Zuschauer kamen in ein ausverkauftes Stadion, darunter rund 3.500 Anhänger des 1. FC Kaiserslautern. Gleichzeitig musste ein Sicherheitsapparat aufgefahren werden, bei dessen Dimension sich jeder normale Bürger fragen sollte: Wozu machen wir das eigentlich noch?

Wenn ein Fußballspiel bereits im Vorfeld rund 1.400 Polizeikräfte benötigt, dann läuft doch grundsätzlich etwas falsch.

Und dann geschieht genau das, wovor offenbar alle Angst hatten.

Aus dem Gästebereich des 1. FC Kaiserslautern wurden Sitzbänke beziehungsweise Sitzschalen herausgerissen und geworfen. Auch die Pyrotechnik und Raketen kamen aus dem Kaiserslauterer Gästebereich. Pyrotechnische Gegenstände wurden dabei in Richtung der Mannheimer Haupttribüne geschossen.

Von der Mannheimer Haupttribüne wurden wiederum Becher und andere Gegenstände in Richtung der Kaiserslauterer Spieler beziehungsweise der Spielerbank geworfen.

Im weiteren Verlauf gelangten Waldhof-Anhänger auf den Platz. Schlagstöcke und Pfefferspray kamen zum Einsatz, im Gästebereich brach ein Feuer aus. Die Situation eskalierte derart, dass die Partie für mehr als eine halbe Stunde unterbrochen werden musste.

Warum wurde dieses Spiel nicht abgebrochen? Was muss eigentlich noch passieren?

Muss erst ein Mensch durch eine Rakete schwer verletzt werden? Muss es noch mehr Verletzte geben, bevor jemand sagt: Schluss, das war es?

35 Polizeibeamte wurden leicht verletzt. Weitere 85 Menschen mussten medizinisch versorgt werden. Acht kamen ins Krankenhaus.

120 Menschen waren damit verletzt oder mussten medizinisch behandelt werden.

Nach einem Fußballspiel!

Man muss sich diese Zahl einmal vor Augen führen. Wir sprechen nicht über schwere Unruhen irgendwo auf der Straße. Wir sprechen über ein Sportereignis.

Was stimmt hier nicht mehr?

Die Polizei ermittelt unter anderem wegen Landfriedensbruchs, Körperverletzung, Sachbeschädigung, tätlichen Angriffs auf Polizeibeamte, Beleidigung und Verstößen gegen das Sprengstoffgesetz.

Und dann soll man einfach wieder zur Tagesordnung übergehen?

Nein. Irgendwann reicht es.

Besonders nachdenklich macht mich, dass die konsequente Trennung der beiden Fanlager nach Angaben der Polizei verhindert hat, dass diese unmittelbar aufeinandertrafen.

Das heißt doch im Klartext: Ein gewaltiger Polizeieinsatz war notwendig, um zu verhindern, dass die Situation zwischen Teilen beider Fanlager möglicherweise noch weiter eskaliert.

Ist das wirklich noch normal?

Und wer bezahlt diesen Wahnsinn?

Am Ende sind es zu einem erheblichen Teil wir alle.

Der Steuerzahler finanziert den Polizeieinsatz und öffentliche Sicherheitsmaßnahmen. Dazu kommen die entstandenen Schäden. Wenn bei einem einzigen Fußballabend Kosten und Schäden in einer Größenordnung von Hunderttausenden Euro entstehen, muss die Frage erlaubt sein, warum die Allgemeinheit einen erheblichen Teil davon tragen soll.

Ich habe dafür immer weniger Verständnis.

Wer randaliert, soll für die von ihm verursachten Schäden bezahlen. Und wenn bestimmte Begegnungen immer wieder mit einem derart enormen Sicherheitsaufwand verbunden sind, müssen irgendwann Konsequenzen folgen, die tatsächlich etwas verändern.

Der DFB sollte deshalb meiner Meinung nach prüfen, ob die üblichen Geldstrafen überhaupt noch ausreichen.

Im Profifußball werden Millionen umgesetzt. Geldstrafen werden bezahlt, anschließend wird Betroffenheit gezeigt und irgendwann geht alles weiter wie zuvor.

Warum?

Wenn solche Begegnungen wiederholt eskalieren, müssen auch harte sportliche Konsequenzen diskutiert werden. Spiele ohne Zuschauer, Ausschlüsse bestimmter Fangruppen oder im äußersten Fall Konsequenzen für die Teilnahme an einem Wettbewerb dürfen meiner Meinung nach keine Tabuthemen sein.

Warum sollte es nicht möglich sein, Vereine nach derart schwerwiegenden Vorfällen für die nächste Pokalbegegnung zu sperren? Wenn Geldstrafen offensichtlich nicht ausreichen, braucht es Konsequenzen, die tatsächlich wahrgenommen werden.

Und wenn Strafgelder verhängt werden, warum sollte dieses Geld nicht zumindest teilweise dafür eingesetzt werden, tatsächlich entstandene Schäden und außergewöhnliche Sicherheitskosten auszugleichen?

Erklären Sie einmal einem Rentner, einer Familie oder einem Arbeitnehmer, warum enorme öffentliche Mittel für die Absicherung eines Fußballspiels notwendig sind, während gleichzeitig an vielen anderen Stellen über fehlendes Geld gesprochen wird.

Ich verstehe es nicht mehr.

Was ist mit der Vorbildfunktion?

Auch Berichte und Bilder über den Zustand der Gästekabine nach der Begegnung haben mich nachdenklich gemacht. Sollte die von den Profis des 1. FC Kaiserslautern genutzte Kabine tatsächlich mit Beschädigungen, Verschmutzungen und ausgeschütteten Getränken zurückgelassen worden sein, wäre auch das für mich völlig unverständlich.

Denn hier reden wir nicht über einen Fanblock.

Wir reden über den Bereich einer Profimannschaft.

Gerade deshalb stellt sich für mich eine weitere Frage.

Unsere Kinder und Jugendlichen tragen die Trikots dieser Profis. Sie kennen ihre Namen, sammeln Autogramme und sehen in vielen Spielern Vorbilder.

Vorbild zu sein endet aber nicht mit dem Schlusspfiff.

Fair Play darf ebenfalls nicht mit dem Abpfiff enden.

Respekt zeigt sich gerade dann, wenn keine Fernsehkamera mehr auf einen gerichtet ist.

Sollte sich der beschriebene Zustand der Kabine bestätigen, sollten sich die Verantwortlichen deshalb auch mit diesem Thema ernsthaft auseinandersetzen.

Beschimpfungen ersetzen keine Argumente

Was mich ebenfalls erschreckt, ist die Aggressivität, mit der anschließend im Internet über die Ereignisse diskutiert wurde. Journalisten und Medien wurden beschimpft, Berichte grundsätzlich infrage gestellt und sogar Vorwürfe erhoben, Bilder seien mithilfe künstlicher Intelligenz manipuliert worden.

Ich kann und will als unabhängiger Leser und Zuschauer nicht beurteilen, was hinter jedem einzelnen dieser Vorwürfe steckt.

Aber ich kann beurteilen, was ich von einer vernünftigen öffentlichen Diskussion erwarte.

Kritik ist richtig und wichtig. Wer glaubt, dass Medien Fehler gemacht haben, soll diese benennen und Belege dafür vorlegen.

Aber Beschimpfungen ersetzen keine Argumente.

Und vor allem darf die Diskussion über einzelne Bilder oder Berichte nicht davon ablenken, was an diesem Abend tatsächlich geschehen ist.

35 verletzte Polizeibeamte verschwinden nicht durch eine Diskussion über Fotos.

85 medizinisch versorgte Menschen verschwinden nicht dadurch.

Raketen, Pyrotechnik, herausgerissene Sitzschalen, ein Platzsturm und eine mehr als halbstündige Spielunterbrechung verschwinden ebenfalls nicht.

Darüber sollten wir reden.

Die große Mehrheit will einfach Fußball sehen

Und eines möchte ich ausdrücklich klarstellen: Natürlich sind nicht alle Waldhof-Fans gewalttätig. Natürlich sind nicht alle Kaiserslautern-Anhänger Randalierer.

Ganz im Gegenteil.

Die große Mehrheit will Fußball sehen, ihren Verein unterstützen, feiern und anschließend gesund nach Hause gehen.

Aber genau diese vernünftigen Fans müssen sich vielleicht irgendwann fragen, wie lange sie hinnehmen wollen, dass eine gewaltbereite Minderheit das öffentliche Bild ihres Vereins und des Fußballs bestimmt.

Vielleicht liegt ein Teil der Macht sogar bei uns Zuschauern.

Wenn schon vorher feststeht, dass eine Begegnung nur mit rund 1.400 Polizeikräften, Wasserwerfern und Reiterstaffel abgesichert werden kann, könnte die deutlichste Reaktion irgendwann lauten:

Bleibt zu Hause. Boykottiert nicht euren Verein, sondern solche Zustände. Vielleicht würde ein halb leeres Stadion mehr zum Nachdenken anregen als die nächste Geldstrafe.

Ich bin kein Funktionär. Ich spreche für keinen Verein, keinen Verband, keine Fangruppe und kein Medium.

Ich betrachte diesen Abend einfach mit den Augen eines normalen Bürgers und Fußballzuschauers.

Und genau deshalb verstehe ich nicht, warum wir Zustände rund um Fußballspiele akzeptieren, die wir an jedem anderen Ort unserer Gesellschaft niemals hinnehmen würden.

Vielleicht haben wir uns schon zu sehr daran gewöhnt.

Wir nennen es „Hochrisikospiel“.

Ein erstaunlich nüchterner Begriff dafür, dass rund 1.400 Polizeikräfte benötigt werden, damit 23.500 Menschen ein Fußballspiel besuchen können.

Ich möchte das nicht als normal akzeptieren.

Sport sollte Spaß, Spiel und Spannung bedeuten

Wir haben genug Gewalt auf dieser Welt.

Wir erleben jeden Tag Krieg, Hass, Zerstörung und menschliches Leid.

Brauchen wir wirklich auch noch Zustände rund um ein Fußballspiel, die an einen Kriegsschauplatz erinnern?

Sport sollte Spaß, Spiel und Spannung bedeuten.

Sport sollte Menschen verbinden.

Sport darf emotional sein. Fans dürfen jubeln, schreien, enttäuscht sein und ihren Verein leidenschaftlich unterstützen.

Aber Sport darf niemals bedeuten, dass Menschen mit Pyrotechnik gefährdet werden, Polizeibeamte verletzt werden, Zuschauer im Krankenhaus landen und ein Stadion zum Schauplatz von Gewalt wird.

Deshalb geht es mir nach diesem Pokalabend überhaupt nicht mehr darum, wer gewonnen und wer verloren hat.

Für mich bleibt eine viel wichtigere Frage:

Wie lange wollen wir als Zuschauer und als Gesellschaft solche Zustände noch hinnehmen? Und was muss eigentlich noch passieren, bevor Vereine, DFB, Fans und Verantwortliche gemeinsam sagen: Bis hierhin – und keinen Schritt weiter?

Weitere Meldungen aus Fussball

Alle anzeigen ›