Babyleiche Pfingstbergweier

Wolf H. Goldschmitt
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Mannheim. Die zehn Einsatzfahrzeuge der Polizei, die eine Fahrspur blockieren, verheißen schon von weitem: Hier muss etwas Schlimmes passiert sein. Fassungslos stehen die Passanten am Sperrband als sie von ebenfalls geschockten Ordnungshütern erfahren: ein Säugling wurde tot aus dem Pfingstbergweiher im Mannheimer Stadtteil Rheinau geborgen. Der kleine See liegt idyllisch und versteckt unweit des Sozialen Brennpunktes Hochstätt. Hier zwischen den zahlreichen, blattlosen Bäumen sind morgens normalerweise nur Jogger oder Hundebesitzer mit ihren Vierbeinern anzutreffen. Einer hat die im Wasser schwimmende Leiche entdeckt und gegen 9 Uhr die Polizei verständigt.

Eine Streife des Polizeireviers Neckarau holt dann den grauenhaften Fund ans Ufer. Wenige Minuten später wird das gesamte Naherholungsgebiet um das Gewässer zur Sperrzone und von mehreren Dutzend Beamten abgeriegelt.
Ein Polizeihubschrauber kreist und macht Geländeaufnahmen, die Kriminaltechnik sucht den gesamten Uferbereich nach Spuren ab, ein Schlauchboot ist unterwegs und ein Tauchereinsatz in den etwa zwölf Meter tiefen Weiher wird geprüft.

"Wer ist zu so einer grausamen Tat fähig?“, fragt sich auch Polizeihauptkommissar Michael Klump, der vor Ort der Presse Rede und Antwort steht. Wie lange das hellhäutige Mädchen schon im Wasser lag, untersuchen jetzt die Pathologen.
Klump glaubt, dass frühestens kommende Woche Näheres bekanntgegeben wird. Eine 30köpfige Sonderkommission namens "Renatus" wird zeitnah eingerichtet. Sie führt bis in die Abendstunden Anwohnerbefragungen durch und trifft
auf entsetzte Bürger. Und oftmals auf Unverständnis, da es doch in Mannheim eine "Babyklappe" beim Theresienkrankenhaus gibt, wo Neugeborene anonym abgelegt werden können.

Den gesamten Tag sind auch die Kriminaltechniker fieberhaft mit langen Stäben auf der Suche nach verwertbaren Spuren. Wie immer in solch traurigen Fällen sind die Ermittler besonders auf frische Spuren angewiesen. Denn bis die Obduktion
Klarheit verschafft, vergehen meistens Tage. Nicht zuletzt deswegen werden alle Neugierigen vom Fundort weit fern gehalten.

Über die Hintergründe der Tat oder den Zeitpunkt eines möglichen Totschlags des Babys will die Kriminalpolizei nicht spekulieren. „Zur Todesursache sind die Ermittlungen bislang in alle Richtungen offen“, sagt Klump. Eine Totgeburt könne bislang ebenso wenig ausgeschlossen werden wie mögliche Gewalteinwirkungen. Auch die Theorie, eine Mutter habe ihr ungewolltes Kind ausgesetzt oder getötet, werde untersucht, sagt Klump, der in seiner gesamten Dienstzeit so einen Fall noch nicht zu bearbeiten hatte. Dass die kleine Leiche bei den milden Temperaturen schnell gefunden wird, musste dem Täter oder der Täterin klar gewesen sein, zudem wird der Weiher von einem Angelsportverein genutzt. Viele offene Fragen bleiben. Auch deshalb hoffen die Ermittler auf die Mithilfe der Bevölkerung und fragen: Wer kann Hinweise zu einer kürzlich beendeten Schwangerschaft geben, in deren Folge der Verbleib des Neugeborenen ungeklärt ist?

Wolf H. Goldschmitt