Ein Versprechen gegen das Vergessen - Gedenkfeier in Gurs

Mannheim
K1024 gedenken

Ein Versprechen gegen das Vergessen - Gedenkfeier in Gurs

Am 22. Oktober 1940 wurden am helllichten Tage – inmitten der Vorbereitungen des jüdischen Laubhüttenfestes Sukkot – alle in Baden und der Saarpfalz lebenden jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürger zusammengetrieben. Sie erfuhren, dass ihnen zwei Stunden bleiben, bevor sie in Zügen der Reichsbahn an einen ihnen unbekannten Ort abtransportiert werden. 50 Kilogramm Gepäck und 100 Reichsmark waren alles, was die Menschen, die von einem Moment auf den anderen heimatlos wurden, mitnehmen durften. 75 Jahre später wurde in einer bewegenden Gedenkveranstaltung auf dem Deportiertenfriedhof in Gurs der über 6.500 Juden gedacht, die in das südfranzösische Internierungslager deportiert wurden. Fast 2.000 von ihnen stammten aus Mannheim.
 
Oberbürgermeister Dr. Peter Kurz, der 2015 zugleich Sprecher der Arbeitsgemeinschaft zur Unterhaltung und Pflege des Deportiertenfriedhofs in Gurs ist, erinnerte an das Unfassbare der Ereignisse jener Zeit: „Es war die von der Mitte der Gesellschaft zum Teil betriebene oder geduldete gesellschaftliche, materielle und dann körperliche Vernichtung von Nachbarn, Schulfreunden, Lehrerinnen und Lehrern, Ärzten, von unseren Nächsten.“
 
Das Denken an die in Gurs Entrechteten, Gequälten und Ermordeten und an ihre Schicksale ist eine Verpflichtung gegenüber den Opfern. Das Gedenken ist aber zugleich eine Verpflichtung für unsere eigene Gegenwart und Zukunft, so das Mannheimer Stadtoberhaupt. Mit Blick auf die auch hierzulande wieder zunehmende Hetze und Fremdenfeindlichkeit fand der Mannheimer Oberbürgermeister mahnende Worte: „Es begann mit einer nicht aufgehaltenen Verrohung des Denkens und der Sprache.“
 
Zahlreiche Repräsentantinnen und Repräsentanten aus Politik und Religion, darunter der Vorsitzende der Israelitischen Religionsgemeinschaft Baden, Rami Suliman, und die Ministerin im Staatsministerium Baden-Württemberg, Silke Krebs, erinnerten an die Schicksale der nach Gurs Verschleppten. Besonders bedrückend aber waren die Berichte der Zeitzeuginnen und Zeitzeugen: Margot Wicki-Schwarzschild war als 9-jähriges Mädchen in Gurs und musste mitansehen, wie die zwei Jahre jüngere Hannele Herze an den Folgen von Hunger und Krankheit im Lager starb. So erinnerte sie daran, dass auf dem Deportiertenfriedhof von Gurs nicht bloß 1.037 Menschen bestattet sind, „sondern einer und eine, eine und einer – jeder Mensch ein Individuum mit seinem Lebensentwurf und seinen Zukunftsplänen“.
 
Die Verneigung vor den Opfern von Gurs, ihrer zu gedenken und sie nicht zu vergessen, war die gemeinsame Botschaft der Zeitzeuginnen und Zeitzeugen und des Mannheimer Oberbürgermeisters. Dieser gab am Ende seiner Rede ein Versprechen ab: Das Versprechen, dass die Gemeinschaft der badischen und pfälzischen Gemeinden auch weiterhin zur Pflege und Unterhaltung des Deportiertenfriedhofs in Gurs beitragen wird.
 
Schätzungen zufolge haben nicht einmal 30Prozent der über 6.500 Juden, die am 22. Oktober 1940 deportiert wurden, die nationalsozialistische Herrschaft überlebt. Im August 1942 fuhr der erste Zug mit 1.000 internierten Juden aus Gurs in das Lager Drancy. Von dort wurden sie wenige Tage später in das Vernichtungslager Auschwitz weitertransportiert. Bis 1944 folgten weitere Transporte. Über 2.650 der nach Südfrankreich deportierten badischen und saarpfälzischen Juden wurden dabei in die Vernichtungslager im Osten verschleppt.