Preisträger Bertha-und-Carl-Benz-Preis 2021

Stadt Mannheim
bertha

2021 wird der mit 10.000 Euro dotierte Bertha-und-Carl-Benz-Preis der Stadt Mannheim zum sechsten Mal verliehen. Das Preisgericht unter Vorsitz von Oberbürgermeister Dr. Peter Kurz hat in diesem Jahr erstmals zwei Preisträger vorgeschlagen: die beiden Wissenschaftler Prof. Dr. Andreas Knie und Dr. habil. Weert Adalbert Canzler, die sich mit der Erforschung der Mobilität befassen. Der Gemeinderat stimmte diesem Vorschlag gestern (Donnerstag, 22. April 2021) in nicht öffentlicher Sitzung zu.

Prof. Knie und Dr. Canzler arbeiten und publizieren seit vielen Jahren gemeinsam auf dem Gebiet der sozialwissenschaftlichen Verkehrs- und Mobilitätsforschung und bringen die Ergebnisse in den öffentlichen Diskurs, die Verkehrs- und Technologiepolitik und die Führung von Wirtschaftsunternehmen ein. Seit deren Gründung am 01.Januar 2020, leiten sie gemeinsam die Forschungsgruppe „Digitale Mobilität und gesellschaftliche Differenzierung“ am Wissenschaftszentrum Berlin. Die Projektgruppe beschäftigt sich mit wesentlichen Fragen zur Mobilität der Zukunft, zum Beispiel, welche Rolle digitale Plattformen für die Mobilität spielen werden, wie sich Lebensentwürfe und damit verbundene Mobilitätspraktiken im ländlichen Raum im Gegensatz zu urban geprägten Regionen entwickeln werden oder wie politisches Handeln Regelungen und Freiräume für neue soziale Praktiken in Bezug auf die Mobilität schaffen kann.

Die beiden Forscher plädieren für eine Abkehr von der PKW-fokussierten Verkehrspolitik und für eine Verkehrswende und damit für mehr Vielfalt und Flexibilität in öffentlichen Mobilitätsangeboten. Darüber hinaus fordern sie digitale Plattformen zur Verstärkung der kombinierten Nutzung verschiedener Mobilitätsangebote (= Intermodalität) und die Verknüpfung der E-Mobilität mit dem öffentlichen Verkehr und vor allem mit dem Stromnetz also Elektromobilität als Teil des Smart Grid.

Die Jury begründet ihre Auswahl vor allem mit der Tatsache, dass die Forschungsansätze der beiden Wissenschaftler nicht theoretisch bleiben sondern regelmäßig in Vorschläge für die Lösung der analysierten Probleme mündeten. Dabei gehe es vor allem um Maßnahmen gegen den urbanen Verkehrskollaps und um den Kampf gegen Umweltbelastungen durch Schadstoffausstoß und Lärm.

Die Arbeiten zielten explizit nicht auf die Abschaffung einzelner Verkehrsmittel, sondern auf eine sinnvolle, zuverlässige und sichere Kombination individueller und öffentlicher Varianten.

„Mobilität im Allgemeinen und Straßenverkehr im Speziellen zählen zu den großen Herausforderungen unserer Zeit, vor allem im Hinblick auf den Klimawandel. Wir müssen umdenken und dieses Umdenken kann durch die fortschreitende digitale Technik befördert werden. Prof. Knie und Dr. Canzler geben dem in der Satzung des Preises formulierten Anspruch nach einer „umweltgerechteren, sozialeren und einfacheren Mobilität“ mit ihrer interdisziplinären wissenschaftlichen Arbeit auf vielen Ebenen und ihren alltagstauglichen Lösungsansätzen ein fundiertes Gerüst für den politischen Diskurs. Deshalb freue ich mich, dass der diesjährige Bertha-und-Carl-Benz-Preis an zwei Wissenschaftler geht, die sich mit den drängenden Fragen unserer Zeit beschäftigen“, erklärt Oberbürgermeister Dr. Peter Kurz.

Informationen zu den Preisträgern

Prof. Andreas Knie ist Sozialwissenschaftler am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung und Hochschullehrer an der TU Berlin. Seine Forschungsfelder liegen in der Wissenschafts-,
Mobilitäts-, Verkehrs- und Innovationsforschung sowie der Technologiepolitik. Von 2001 bis 2016 war Prof. Knie Bereichsleiter für Intermodale Angebote und Geschäftsentwicklung der Deutschen Bahn AG und von 2006 bis 2018 Co-Geschäftsführer des Innovationszentrums für Mobilität und gesellschaftlichen Wandel GmbH (InnoZ), dessen Aufgabe vor allem darin bestand, praxisnahe Untersuchungen von Innovationsprozessen im Mobilitätssektor durchzuführen. Von 2017 bis 2019 leitete er die Forschungsgruppe Wissenschaftspolitik am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB). Seit 2020 verantwortet er gemeinsam mit Dr. Canzler die Arbeit der Forschungsgruppe Digitale Mobilität und gesellschaftliche Differenzierung am WZB. Zudem ist er Fachbeirat des Bundesverbandes eMobilität (BEM) e.V. und seit Juni 2018 Chief Scientific Officer (CSO) der Choice GmbH, einem international agierenden Dienstleister für Mobilitätslösungen.

Dr. Weert Canzler ist ebenfalls Sozialwissenschaftler am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung und habilitierte an der Technischen Universität Dresden zum Thema „Sozialwissenschaftliche Mobilitätsforschung“. Seine Forschungsfelder liegen, ähnlich denen von Prof. Knie, in den Bereichen Mobilitäts-, Verkehrs- und Innovationsforschung sowie der Energie und Technologiepolitik. Nach seinem Studium der Politikwissenschaften, der Wirtschaftswissenschaften und Jura fokussierte er sich auf die Innovations- und Zukunftsforschung. 1990 war er maßgeblich am Aufbau des Sekretariats für Zukunftsforschung (SFZ) in Gelsenkirchen beteiligt. Seit 1994 ist Dr. Canzler wissenschaftlicher Mitarbeiter am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB). Gemeinsam mit Prof. Knie leitet er dort die Forschungsgruppe Digitale Mobilität und gesellschaftliche Differenzierung. Seit 2013 ist Dr. Canzler zudem Sprecher des Leibniz-Forschungsverbundes Energiewende. Der interdisziplinäre Verbund bietet eine Plattform für den fachübergreifenden wissenschaftlichen Austausch und ist Anlaufstelle für externe Anfragen zum Thema Energieforschung in Deutschland.

Informationen zum Preis

Die Stadt Mannheim stiftete 2011 den Bertha-und-Carl-Benz-Preis anlässlich des 125-jährigen Automobiljubiläums. Der Preis ist mit 10.000 Euro dotiert und wird alle zwei Jahre verliehen. Als Preisträger kommen Personen, Gruppen und Organisationen in Betracht, die sich um eine bedeutende Verbesserung der „Mobilität“ - insbesondere um eine umweltgerechtere, sozialere oder einfachere Mobilität - verdient gemacht haben.

Die Satzung des Preises sieht vor, dass er nicht öffentlich ausgeschrieben, sondern auf Vorschlag des Preisgerichts durch den Gemeinderat zuerkannt wird.

2011 ging der Preis an Shai Agassi für seine Arbeit im Bereich der Elektromobilität, 2013 erhielt Prof. José del. R. Millán für seine Forschung an Brain-Computer-Interfaces zur Steuerung von Mobilitätshilfen für bewegungseingeschränkte Menschen den Preis und 2015 war der dänische Stadtplaner Prof. Dr. Jan Gehl Preisträger. 2017 wurde erstmals ein Projekt mit dem Preis ausgezeichnet: World Bicycle Relief (WBR), entwickelt und verkauft robuste Lastenfahrräder, die Menschen in Entwicklungsländern einen besseren Zugang zu Bildung und Gesundheitsversorgung ermöglichen und ihre Erwerbsmöglichkeiten erhöhen. 2019 ging der Preis an die saudische Frauenrechtsaktivistin Loujain AlHathloul, die sich unter anderem für das Führen von Kraftfahrzeugen durch Frauen in ihrem Heimatland einsetzte und eine mehrjährige Haftstrafe in Saudi-Arabien verbüßte. Am 10. Februar 2021 wurde Loujain AlHathloul auf Bewährung aus der Haft entlassen, sie ist mit einem fünfjährigen Reiseverbot belegt.