Ein Leuchtturm für die deutsche Bildungslandschaft

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Die Hubert-Sternberg-Schule Wiesloch erhält Auszeichnung auf der Hannover-Messe
Automatisierung und Industrie 4.0 machen auch das Arbeiten für die Menschen agiler, vernetzter und interdisziplinär. Wer die Fachkräfte der Zukunft gut ausbilden will, sucht nach Trainingsmöglichkeiten nahe an der industriellen Wirklichkeit. Dies braucht Technik auf neuestem Stand. Dies braucht Unterrichtskonzepte, die die Herausforderungen simulieren. Die Hubert-Sternberg-Schule in Wiesloch hat als gewerblich-technische berufliche Schule ein solches Konzept entwickelt: AgilDrive – New Motivation.
Seit einigen Monaten steht ein Drehstrom-Motor mit einem daran angeflanschten Getriebe mitten in einem Klassenzimmer. Fertig ist die Lern-Fabrik? Ja. Wenn die Schüler und Schülerinnen spielerisch zu Mitarbeitern werden und die Lehrer zu Bereichsleitern. Wenn es einen Auftrag der Geschäftsführung gibt: Der Motor soll verkauft werden. Der Kunde wünscht digitale Hilfe bei der Inbetriebnahme, aber auch eine Zustandsüberwachung und vorausschauende Wartung. Hier sind Industriemechaniker gefragt und Elektroniker und Fachinformatiker. Die einen verstehen den Montageplan, die anderen können ihn webbasiert visualisieren; die einen beherrschen die Sensortechnik, die anderen verbauen sie und die dritten erfassen die Meldungen in Datenbanken. Hier müssen Probleme erkannt werden. Hier muss über Fachgrenzen hinaus gut kommuniziert werden. Hier müssen alle agil, also in schnellen, sich wiederholenden und gemeinsam im Austausch verbesserten Schritten zum besten Ergebnis kommen. Will die die Lern-Fabrik erfolgreich sein, muss Unterricht in den dualen Ausbildungen neu durchdacht werden.
Wie kommt die Schule dazu? „Ein solches Projekt entsteht durch den ständigen Austausch mit unseren Ausbildungspartnern“, erklärt OStD Klaus Heeger, Schulleiter und nun auch „Chef der Firma“. Und er fährt fort: „Wo die Dinge sich vernetzen, muss der Mensch stark sein im Team. Wo eine Vielfalt an Komponenten kombiniert ist, muss jeder Mensch Experte seines Berufes sein und zugleich raus aus seiner Box.“
Gemeinsam mit innovativen Ausbildungsbetrieben der Region wie Pepperl+Fuchs (Mannheim) und vor allem SEW-Eurodrive (Bruchsal) sei die Idee entwickelt worden. Für die Umsetzung in den Unterricht kann er auf ein breit aufgestelltes Lehrer-Team setzen: „Diese Kolleginnen und Kollegen leben hier vor, was bei Zusammenarbeit über die Fachgrenzen hinaus entstehen kann.“ Ein Vorbild für das Projekt gibt es nicht. Und genau deshalb soll die Hubert-Sternberg-Schule Wiesloch jetzt selbst Vorbild sein. Als Leuchtturm-Projekt wird ihre Arbeit auf der international bedeutenden Hannover-Messe vom 12.-16. April ausgezeichnet und ausgestellt.
Durch die Pandemie findet alles digital statt. Es werden Filme gezeigt, in denen Auszubildende und Lehrende das Projekt präsentieren. Es gibt Videokonferenzen, damit sich Schüler*innen aus ganz Deutschland mit den Azubis austauschen können, aber auch Ausbilder und Lehrer*innen mit den Lehrenden ins Gespräch kommen. Die Idee soll Schule machen.
Den Preis vergibt der Verein New Automation. Er wurde 2013 auf Initiative des Zentralverbands Elektrotechnik- und Elektronikindustrie gegründet. Sein Ziel ist die Verbindung von Bildungseinrichtungen und Unternehmen, um industrienahe Qualifikation zu fördern mit Produkten auf neuestem Stand.
In den letzten beiden Jahren ging der Preis an Hochschulen, davor auch einmal an die Berufsbildende Schule bei VW in Wolfsburg. Ist da ein Preisträger aus Wiesloch nicht überraschend? Dazu Schulleiter Heeger: „Wir bieten ein Ausbildungskonzept an für genau das, was die Unternehmen als Herausforderung der Zukunft erkannt haben. Bei uns ist diese Zukunft bereits Praxis.“ Und so freut er sich, dass in Wiesloch zur 2017 eröffneten Lernfabrik Industrie 4.0 diese Innovation hinzukommt. Neben den dualen Ausbildungsgängen profitieren davon auch die Vollzeitschularten wie das zweijährige Berufskolleg für Informations- und Kommunikationstechnik und das Technische Gymnasium mit seinen Profilen Informationstechnik, Mechatronik und Umwelttechnik. Auch hier wird agiles Arbeiten und interdisziplinäres Denken mit Technik auf neuestem Stand trainiert.
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Friedemann Grötzinger